Schmuckgeschichte beim Strandspaziergang
Strand als Schmuck-Inspiration.Das Schönste am Strandspaziergang ist, wenn ich auf meinem Weg entlang des Flutsaums oder bei Ebbe im Watt ein unbeschädigtes Wellhornschneckengehäuse finde. Mich fasziniert nicht nur die „Architektur“ des Schnecken-Wohnhauses. Am Strand bin ich wie ein kleines Kind, das seine Augen (fast) nur auf die Muscheln, Schnecken und Steine gerichtet hat. Kein Wunder: Der Mensch hat schon immer Muscheln gesammelt. Sie dienten ihm als Material für ersten Schmuck – und den gab es schon länger als man bisher annahm: Gingen Historiker zunächst davon aus, dass die ältesten Schmuckfunde über 25000 bis 30000 Jahre alt seien, so haben neuere Forschungen ergeben, dass die Menschen schon vor 70000 Jahren Muscheln als Schmuck verwendet haben. Übrigens war damals ein kleines Loch in der Muschel oder Schnecke willkommen – so ließen sich Ketten aus Muscheln auffädeln.
Schmuck wurde zu dem Zeitpunkt „erfunden“, als der Mensch sein Ich-Bewusstsein entwickelte und sich abgrenzen wollte. Er war Statussymbol oder informierte über Zugehörigkeit seines Trägers oder hatte rituelle Aufgaben. So soll es Schmuck schon gegeben haben, bevor es Kleidung gab.
Muscheln und Steine - früher Schmuck.Bereits in der Steinzeit gestalteten die Menschen Schmuck nicht nur aus Muscheln und Schnecken, sondern auch aus Knochen, Holz oder Tierzähnen. Aber auch Perlen wurden als Schmuck gefertigt. Die ältesten trug der Neandertaler vor locker 38 000 Jahren. Die wesentliche Rolle des Schmucks lag seit jeher in der symbolischen Bedeutung. Man wollte mit ihm Kraft erlangen – etwa mit Widder- oder Löwendarstellungen, man wollte Götter besänftigen oder trug Amulette zur Abwehr böser Geister, „Hühnergötter“ mit ihrem natürlich entstandenen Loch als Glücksbringer oder das Kreuz als religiöses Symbol. Erst an zweiter Stelle wurde der materielle Wert des Schmucks mit Preisen versehen.
Hühnergott - Anhänger mit natürlicher "Bohrung".Schmuck aus Silber geht auf das 5. Jahrtausend vor Christus zurück. Schon im alten Ägypten, im antiken Griechenland und im römischen Reich galt Silber als wertvolles Metall. Die Etrusker sind bekannt für ihre hohe Goldschmiedekunst – sie arbeiteten schon im 7. Jahrhundert vor Christus mit gezogenem und gebogenem Draht aus Silber und Gold. Sie sind auch seit dem 6. Jahrhundert vor Christus für die aufwändige Technik der Granulation bekannt.
Der frühere technische Leiter der Goldschmiedeschule in Pforzheim, Goldschmiedemeister Hans Kasper, hat in den 1980er Jahren die fast vergesse Technik der alten Römer und Etrusker erforscht. Aus gebogenem Draht wurden bereits vor mehr als zwei Jahrtausenden geflochtene Schläuche gefertigt. Hans Kasper entwickelte in der modernen Fortführung der historischen Techniken jene Lieseln aus Metall, mit denen basierend auf den Arbeiten der Römer und Etrusker heute einzigartiger Schmuck gefertigt werden kann.
Leider hatte ich nicht mehr das Glück, Hans Kasper noch selbst zu erleben. Als ich seine Technik 2012 kennenlernte, war er schon gestorben. Dabei hätte ich so gerne mehr gewusst über seine Forschung und seine Arbeit. Bei meiner Suche nach Informationen bin ich leider nicht sehr weit gekommen. Ich hatte gehofft, er habe seine Forschung etwa an der Goldschmiedeschule in Pforzheim in irgendeiner
Geduldsspiel mit der Strickliesl. Form festgehalten. Einen schriftlichen Nachlass gibt es jedoch offenbar nicht und auch ein Besuch im Schmuckmuseum in Pforzheim brachte mich bisher noch nicht weiter. Hans Kasper habe halt die Lieseln entwickelt, sagte mir ein Mitarbeiter eines Pforzheimer Unternehmens für Goldschmiedebedarf – und seitdem wird gelieselt. Der Kreis derer, die auf diese Art und Weise Schmuck zum Verkauf herstellen, ist jedoch sehr klein.
Ich bin dankbar, diese Technik für mich als ein erfüllendes Geduldsspiel kennengelernt zu haben. Gerne gebe ich mein Wissen um diese Art, modernen Schmuck auf historischen Grundlagen herzustellen, in meinen Kursen weiter.
Quellen:
Wünsche, Raimund und Matthias Steinhart: Schmuck der Antike - Ausgewählte Werke der Staatlichen Antikensammlungen München, Forschungen der Staatlichen Antikensammlungen und Glyptothek München, Band 3, 1. Auflage 2010, Kunstverlag Josef Fink, Lindenberg im Allgäu
Eichhorn-Johannsen, Maren, und Rasche, Adelheid unter Mitarbeit von Bähr, Astrid, und Schneider, Svenia: 25 000 Jahre Schmuck - Staatliche Museen zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, herausgegeben 2013, Prestel-Verlag, München
Brepohl, Erhard: Theorie und Praxis des Goldschmieds, 17. Auflage 2016, Fachbuchverlag Leipzig im Carl Hanser Verlag München
















